Anfangszauber

Im Nachklang zu meinem letzten Blogeintrag „Feuer im Bauch“, tauchte bei mir der Satz auf „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ und hat mich zu diesem Beitrag inspiriert. Denn aller Anfang ist Sein im Zeichen Widder…

Was bedeutet diese Zeile aus Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ eigentlich? Was ist damit gemeint, dass uns das Leben immer wieder darin fordert, neue Räume zu erobern und uns nicht im Ewiggestrigen zu binden? Und was bedeutet es, wenn wir uns dem Anfängergeist immer wieder neu ergeben? 

Seit vielen Jahren mache ich täglich meine Yogaübungen. Im vergangenen Jahr habe ich mir selbst den Kopfstand beigebracht. Mit Hilfe eines Yogaübungsbuches habe ich die einzelnen Schritte trainiert. Bis ich nach fünf Monaten Trainingszeit die Übung beherrschte. Erstaunlich war für mich hierbei, dass es nicht das große Ziel war, welches mich begeistert hat, sondern das tägliche Üben einer minimalen Bewegung. Es war dieses Ganz-klein-Anfangen und lediglich für Sekunden eine gewisse Spannung zu halten. Jeden Tag war es dieser Minischritt, auf den ich mich eingelassen habe. Damit habe ich mich täglich dem geöffnet, was an diesem Tag gerade möglich war. Meine Frage war stets, wie fühlt sich die Übung heute an? Im Vordergrund stand die Freude in mir über mein Wahrnehmen und Fühlen der gegenwärtigen Übung. Fragen wie: Wann kann ich die Übung? Warum geht es heute nicht so wie gestern? waren mir nicht wichtig. Schön war für mich, dass ich etwas neues lernen konnte und dass ich jeden Tag den jeweiligen Schritt der Übung genossen habe. Erst, wenn ich fühlen konnte, dass ein Schritt entspannt möglich war, nahm ich mir den nächsten Schritt vor. So bin ich ganz unangestrengt und selbstverständlich in den Kopfstand hineingewachsen.

Warum erzähle ich diese Geschichte? Sie ist für mich ein Spiegel dafür, wie ich grundlegend neue Wege gehe. Jedoch erst, seit ich mir erlaube, diese in meinem ganz natürlichen Wachstumsrhythmus zu beschreiten. Früher habe ich mich ganz oft dazu gezwungen weiterzugehen, obwohl ich vielleicht gerade Entspannung brauchte. Oder ich war im Widerstand, weil ich nicht wusste, wie es weitergehen kann und habe den Kopf in den Sand gesteckt. Heute verstehe ich, was es bedeutet, den Anfängergeist zu wahren und den Zauber, welcher jedem Anfang inne wohnt, zu feiern. 

Warum verschließen wir uns immer wieder diesem Zauber, welcher im Noch-nicht-Können und Noch-nicht-wissen-wie liegt?
Warum benutzen wir diesen Anfängergeist meist dazu, um mit dieser anpackenden Energie möglichst schnell vorwärts zu kommen?
Warum lassen wir uns nicht die Zeit in neue Wege, neue Fähigkeiten hineinzuwachsen?
Wovor fürchten wir uns hierbei eigentlich? 

Ich glaube, dass es unsere Angst vor der eigenen Natur ist. Wir fürchten uns davor, uns selbst zu sehen. Wenn wir uns Zeit lassen, dann nehmen wir als erstes unser Programm von Fight, Flight, Freeze wahr. Also unsere untergründige ständige Alarmbereitschaft, wenn wir Neues wagen. Es ist unser Überlebensinstinkt, welcher uns in Notsituationen schützt. Allerdings unterscheidet dieser nicht, ob es sich gerade um eine wirkliche lebensbedrohliche Situation handelt oder nicht. Jedes Mal, wenn wir Neues wagen, springt dieser Impuls an, ob wir wollen oder nicht. Erst, wenn wir uns dessen bewusst werden, können wir aus dem eigenen Fluchtprogramm aussteigen. Dann öffnet sich die Tür für den Zauber des Neubeginns. Und zwar in jedem Moment, immer wieder. Dieser Zauber verliert sich nicht, verpufft nicht, nach der anfänglichen Begeisterung. Hier betreten wir den Raum, der uns entzückt. Damit laden wir uns dazu ein, dass wir von uns selbst überrascht werden können. 

Ich, zum Beispiel, konnte mir nicht vorstellen, wie es gehen kann, dass ich den Kopfstand beherrsche. Im Gehen der einzelnen Schritte habe ich mich selbst überrascht, indem es einfach passiert ist. Doch genau darin liegt auch die Herausforderung. Denn jedes Mal, wenn wir etwas einfach zulassen, dann öffnen wir uns auch dem Ungewissen. Also, es war nicht sicher, ob ich den Kopfstand am Ende wirklich beherrsche. Es hätte auch passieren können, dass ich im Üben bemerke, dass meine Muskelspannung, mein Gleichgewichtssinn, oder meine Konzentration nicht ausreichen. Dessen war ich mir in jedem Moment bewusst. Mein Ziel war es nicht, die Übung am Ende zu können. Mein Ziel war es herauszufinden, wo meine Grenzen liegen und wozu ich in der Lage bin. 

Was ich damit meine: Kannst du dich auf das Ungewisse einlassen? Welches Ziel hast du, wenn du neue Wege wagst? Willst du ankommen, oder eine Erfahrung machen? Bist du bereit, dich von dir selbst überraschen zu lassen? Und bist du bereit, dass du die Freude in dir wahren möchtest, egal, was am Ende eines Weges auftaucht? 

In den Antworten auf diese Fragen wirst du für dich erkennen, wie dein Anfängergeist tickt und ob du den Zauber immer wieder neu wählen magst. Und, wenn du diesen weiter kennen lernen möchtest, dann beginne mit der Dynamischen Atmung! Sie ist ein wunderbares Instrument, welches dich damit in Verbindung bringt. 

 

Herrmann Hesse
Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

 

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