Lebens-Alpinist

Ein Satz von Reinhold Messner, gehört in einer Dokumentation über die Bergwelt, hat mich diese Tage berührt und inspiriert:

„In der direkten Begegnung mit dem Berg, im Erwandern und Besteigen ohne technische Hilfsmittel, nimmt der Mensch Maß und gewinnt so eine realistische Einschätzung seiner eigenen Person gegenüber der Natur“.

Dieser Satz fiel in einem Gespräch, in dem es um den Unterschied zwischen einem Berg-Touristen und einem Alpinisten ging.

Der Alpinist erkundet die Bergwelt, indem er sich den Berg in der eigenen Anstrengung zu eigen macht. Hierbei kommt er in eine tiefe Erfahrung mit der Natur: sowohl mit der Natur des Berges, als auch mit der Natur des eigenen Mensch-Seins.
Hierüber begreift der Alpinist die eigene Kleinheit gegenüber der Macht des Berges und wächst in der Reibung mit diesem über sich selbst hinaus.

Der Berg-Tourist sucht die Erholung durch die Annehmlichkeiten in der Komfortzone. Die Seilbahn soll ihn auf den Gipfel befördern und die Wege sollen geebnet und leicht begehbar sein. Die Natur möchte wie im Film erlebt werden, man will gucken und genießen. Die direkte Konfrontation mit den Unannehmlichkeiten und der Unberechenbarkeit der Natur wird als bedrohlich und als anstrengend empfunden.

Die Symbolik dieses Bildes finde ich wunderbar. Denn auch in unserem täglichen Erleben geht es darum, zu wählen: möchte ich der Tourist oder der Alpinist in meinem Leben sein?

Bin ich der Alpinist, folge ich meinem Instinkt, meiner Intuition, und setzte mir hieraus folgend meine Ziele. Die Herausforderungen, welche mir in der Umsetzung des Weges, hin zu meinem Ziel, begegnen, erkenne ich als notwendigen Reifeprozess an.

Dieser Weg lässt sich nicht abkürzen oder begradigen. In der Begegnung mit der Realität gewinne ich den richtigen Bezug zu meiner Idee, meinen Träumen und wachse an den damit einhergehenden Reibungen.

Es ergibt sich ein reifendes Einverständnis in notwendige Zeitabläufe und nicht zu kontrollierende kollektive Bewegungen, in welche ich eingebunden bin.

Das heißt, ich beginne zu verstehen, dass es nicht alleinig mein Wille ist, welcher mich ans Ziel bringt, sondern auch die bewusste Auseinandersetzung mit Enttäuschung, Verunsicherung und Ängsten, welche mir in der Umsetzung meiner Pläne begegnen.

Ebenso ist der reibungslose Ablauf meines Projektes nicht alleinig abhängig von meiner guten Vorbereitung. Es braucht den richtigen Zeitpunkt und die Bereitschaft des Umfeldes, damit es gelingen kann. Ich habe keinen Einfluss auf den freien Willen meines Umfeldes und ich kann den richtigen Zeitpunkt nicht erzwingen.

Diese Herausforderungen bringen mich in Berührung mit meinen Widerständen von Ungeduld, Wut und Schmerz, welche mich vor dem Gefühl der Ohnmacht schützen sollen.

Die bewusste Auseinandersetzung hiermit benötigt Zeit zum Innehalten, um die eigenen Empfindungen zu reflektieren. So erlebe ich in der Verarbeitung meiner Widerstände einen Sieg über mich selbst und gewinne hierbei meine Eigenmacht und die Freude an meinem Tun zurück.

Damit einher geht das Erlernen von Geduld, Rücksichtnahme und Mitgefühl.

In der Wanderung des Alpinisten ergibt sich ein natürlicher Rhythmus zwischen Aktion und Ruhepausen, zum einen aufgrund der eigenen Kondition und zum anderen aufgrund der Anforderung durch die Natur des Berges und die Begebenheiten des Wetter. Der Alpinist genießt beides: die Freude an der Bewegung während des Aufstiegs und die Freude am Ausblick der bisher erreichten Höhe während des Anhaltens.

Bin ich jedoch der Berg-Tourist, dann habe ich Träume, Ziele, und mache mir mit Hilfe meiner Vorstellungen Pläne, wie ich diese verwirklichen kann. Dieses Konstrukt dient als Sicherheit, um so Unwägbarkeiten und Hindernisse vorherzusehen und diese geschickt zu umgehen. In der Folge dessen bin ich effektiv und schnell am Ziel.

Die Hürden, welche durch das Unvorhersehbare und die eigene Unzulänglichkeit entstehen, empfinde ich als Tourist als lästige und unbequeme Anstrengung. Es ist nicht der Weg hin zum Ziel, welcher das Qualitätsmerkmal ist, sondern das Resultat am Ende des Weges, welches zählt und den Maßstab für den Erfolg darstellt.

Meine persönliche Erfahrung ist die, dass Veränderungen meistens nicht von Heute auf Morgen passieren. Die Lösung einer schwierigen Lebenssituation oder das Erreichen der eigenen Wünsche und Träume scheint oft zu weit weg oder gar unmöglich.

Aus Angst vor einem Scheitern oder aus Angst, verlassen zu werden, tendieren wir zur Ungeduld und wünschen uns eine schnelle und effiziente Lösung, einen Businessplan, eine Abkürzung, ein Medikament, ein Heilmittel, das uns sofort helfen kann.

Ich möchte dich dazu ermutigen, deinen eigenen Weg zu gehen, ohne die Sicherheit in äußeren Konstrukten oder die Bestätigung durch dein Umfeld zu suchen. Es lohnt sich, die notwendige Geduld hierfür aufzubringen und den langen Weg einzuschlagen, der dir letztendlich mehr Gewinn einbringen wird.

Wenn du dich auf deine Herausforderungen einlässt, geschieht ein Moment der Demut. Du kannst fühlen, dass du in den Kreislauf der Natur eingebunden bist. An diesem Punkt kannst du dein Ziel loslassen, in dem Wissen, dass bereits jetzt schon alles in dir ist.

Der Weg ist das Ziel.

Der Weg, mit all seinen Hindernissen, Anstrengungen und Unmöglichkeiten, ist die Erfahrung, die dich tatsächlich nach vorne und näher zu dir selbst bringt.

Bist du der Alpinist oder der Tourist in deinem Leben?

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