Schön wild!

„Eine wilde Wiese für mehr Arten-Vielfalt“, das steht auf einem Schild mitten in Hamburg-Eppendorf, in einem Park, vor einem Stück ungemähter Wiese. Dieser Satz und mein Erlebnis, von dem ich vor ein paar Tagen in einem kleinen Video erzählt habe, haben mich zu diesem Blogeintrag inspiriert. 

Warum geht uns das Herz auf, wenn wir eine wilde Wiese sehen? Ist es die unverfälschte und einfache Schönheit, welche uns so fasziniert? Das lebendige Gewimmel der Insekten? Die berauschende Intensität der unterschiedlichen Farben und Gerüche? Ist es das entspannte und beglückende Gefühl in uns, dass hier alles seinen Platz hat? Ist es die tiefe Berührung in unserer verletzten Seele, die sich danach sehnt auch einfach sein zu dürfen, ohne leisten zu müssen, um den eigenen Platz zu bekommen? 

Meine eigene Geschichte ist die, dass ich als kleines Mädchen schon früh dazu erzogen wurde, dass meine wilde Seite nicht konform ist mit einem gängigen Gesellschaftsbild. Vielleicht auch vielmehr, dass mein Art und Weise, wie ich mich bewegte und was mein Interesse weckte, nicht mit den Vorstellungen meines Umfeldes übereinstimmten, wie man sein sollte. Da ich meine Natur nicht unterdrücken konnte, führte dies immer wieder zu schmerzlichen Erfahrungen und in der Folge begann ich, empfindungslos zu werden. Damit wollte ich meiner Verletzlichkeit entkommen. Um also mit mir sein zu können, wurde es mir egal, was ich nach außen zeigte. Ich wollte nicht mehr fühlen, wenn ich enttäuscht, gekränkt oder verletzt bin. Zugleich wurde ich rebellischer gegen alles, was angepasst und als gesellschaftlich anerkannt galt. 

Es hat einige Zeit gedauert, bis ich erkannte, dass ich vor mir selbst weglaufe. Ein Teil in mir sehnt sich danach, so zu sein wie die anderen, das was die Gesellschaft fordert, um einen Platz zu bekommen, um Erfolg zu haben, um schön zu sein. 

Erst, als ich mir diese Sehnsucht eingestehen konnte, konnte ich den Schmerz in mir zulassen und mein eigenes Enttäuschtsein fühlen. Heute kann ich mich in solchen Momenten selbst in den Arm nehmen, bis mein Enttäuschtsein vorübergeht. Heute kann ich mein Ja dazu geben, dass ich mich verletzlich mache, wenn ich mich in meiner unverfälschten Natur zeige und sichtbar werde in meiner eigenen Farbe und meinem individuellen Duft. Damit meine ich, dass ich mich heute frei fühle davon, wie mein Umfeld auf mich reagiert. Manchmal bekomme ich ein unverhofftes Kompliment, manchmal bin ich mit Ablehnung konfrontiert. In jedem Fall entscheide ich mich dazu, dass ich mich mir selbst zuwende und mich darin übe, mich selbst wertzuschätzen. 

Dieser Schritt gehört für mich jedes Mal dazu und wenn ich versuche, diesen zu überspringen oder zu vermeiden, dann leugne und verlasse ich mich selbst. Sichtbar zu werden, ist also immer wieder neu mit einem Risiko verknüpft, da nicht vorhersehbar ist, wie mein Gegenüber reagiert. So ist es jedes Mal wie eine kleine Geburt, wenn ich in Begegnung zu mir stehe und mich einfach sein lasse, wie ich bin. Und jedes Mal ein Wunder, wenn ich merke, ich habs überlebt. Mehr noch, ich bin wieder ein Stück gewachsen und verwurzelter in mir. 

Die Fragen, welche du dir stellen solltest, wenn du dich zeigst, sind also nicht bin ich safe? Hab ich abgecheckt, was die anderen von mir wollen und erwarten? Repräsentiere ich gerade das passende Rollenbild? Die Fragen sollten sein, stehe ich bei mir und bin ich mir nah? Bin ich bereit zu fühlen, auch wenn es unangenehm für mich werden kann? 

Dann brauchst du nicht länger getrennt von dir sein, um du selbst zu sein. Oder verlässt dich nicht selbst, um dazuzugehören. Ebenso musst du dich dann nicht in den elfenbeinernen Turm verschanzen, um so den Überblick zu behalten. Du wagst dann das Leben und wagst mit deiner wilden Schönheit zu gewinnen. 

2 Comments on “Schön wild!”

  1. Liebe Anna,
    ein wunderschöner Text, der mich tief berührt, mir Mut macht und Hoffnung schenkt.
    Ich danke dir von Herzen, dass du deine Erfahrungen und Erkenntnisse daraus, mit mir/uns teilst.
    Herzlichst
    Samera

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