Wenn die Masken fallen

Ich selbst erlebe die aktuelle Zeit als einen Akt der Auflösung. Es ist ein Geschenk, welches sich gerade offenbart, jedes Mal, wenn ich dazu bereit bin, die Realität zu sehen, das, was jetzt gerade da ist und dies akzeptiere. Damit ist verbunden, dass ich mich meinen untergründigen Bewegungen in meiner Gefühlswelt öffne, mich davon fortspülen und verwirren lasse, um in der Folge sicher an einem neuen Ufer anzukommen. Dieser Prozess ist nicht einmalig, sondern fortlaufend, immer wieder. Erst, wenn ich zulassen kann, dass in diesem Mich-vom-Dunklen-Verschlingen-lassen Heilung und Lösung steckt, dann ist die Auflösung keine Bedrohung mehr. Jedoch verliere ich erst einmal den Boden in mir und muss mich dem anvertrauen, dass ich gehalten bin, auch ohne dies zu fühlen. Meine Erfahrung ist die, dass ich erst durch die Nebel meiner Vorstellungen, Illusionen und Prägungen hindurch muss, um Klarheit zu gewinnen. Jeder andere Weg bedeutet den Wunsch nach einer Abkürzung und führt nur zu einer weiteren Projektion bisheriger Muster. 

Die größte Hürde empfinde ich hierbei in meinen alltäglichen Begegnungen. Damit meine ich, dass wir alle nach außen hin ein Rollenbild, eine Maske habe. Diese soll uns schützen. Wir fürchten uns davor, ungeschminkt gesehen zu werden. Wir fürchten uns davor, dass es nicht ausreicht, nicht genügt, wenn wir einfach nur wir selbst sind. Hieraus ergibt sich ein seltsames Spiel, denn wir versuchen damit partout an unseren bisherigen Strategien festzuhalten, um nicht das Gesicht, also eigentlich die Maske zu verlieren. Für mich ist es immer wieder neu ein Moment des Staunens und auch des schmerzhaften Fühlens von Enttäuschtsein, wenn meine oder die Maske meines Gegenübers fällt. Zugleich ist es ein Moment tiefer Erleichterung und Klarheit. Dann ist plötzlich alles möglich: das Grenzensetzen, den Moment würdigen und das Akzeptieren unterschiedlicher Haltungen sind keine Hürden mehr. Es ist der Augenblick, in dem mich mein Herz in die Knie zwingt und mich zutiefst verletzlich fühlen lässt. 

Wo bleibst du versteckt hinter deiner Maske, deinem Rollenbild, aus Angst zu verlieren, was du dir aufgebaut hast? Welchen Nutzen haben diese für dich? Kannst du die Maskerade deines Umfeldes erkennen? Was bedeuten Masken und Rollenbilder für dich? Bist du mutig und wagst es, hinter die Masken zu blicken? Was passiert, wenn du dir erlaubst, die eigene Maske fallen zu lassen? 

Diese Fragen kannst du dir nur beantworten, wenn du einen aufrichtigen Blick in dein inneres Spiegelbild wagst und einwilligst, dass sich dein bisheriges Selbstbild erst einmal auflösen wird. In diesem Prozess erkennst du, was deine Täuschungen sind und bekommst einen klaren Blick auf das, was wirklich in dir gesehen werden möchte. Es ist das ehrliche Gespräch mit dir selbst und dein offenes Ohr deiner inneren Stimme gegenüber, welche dich auf die Spur deiner inneren Dämonen bringen und dir somit deine eigene Maske zeigen wird. Damit meine ich das, was dich untergründig immer wieder in der Abhängigkeit hält und dir die immer gleiche Geschichte erzählt. Die alten Geschichten darüber, was alles nicht möglich ist und warum du die entscheidenden Schritte, die gerade notwendig wären, nicht gehen kannst. 

Wenn sich meine Klienten im Coaching mit einer unangenehmen Realität konfrontiert sehen, dann regt sich meist als erstes der Widerstand mit der spontane Regung: Was wird mir genommen? Es braucht immer wieder Zeit und das eigene Mitgefühl, eine bisherige Illusion loszulassen. Meist haben wir eine Präferenz, also ein Lieblingsmuster, welches in Begegnungen besonders gut funktioniert. An diesem halten wir fest und es fällt uns schwer, neue Muster zu kreieren. Gut funktionierende Konditionierungen geben uns das Gefühl, dass wir in Verbindung seien. Zugleich fühlen wir hierbei den untergründigen Mangel, die innere Unzufriedenheit. Die große Enttäuschung ist immer wieder, wenn wir erkennen, dass wir mit einem bestimmten Verhaltensmuster bisher im Bedienen von Erwartungen waren. Dann schmerzt es uns im ersten Moment, wenn wir erkennen, dass es vielmehr die Illusion von Verbundenheit und Zugehörigkeit war, als dass es die wirkliche Liebe gewesen wäre, welche uns geführt hat. 

Welche Illusionen in deinen Begegnungen möchtest du loslassen? Wo gehst du dir selbst und deinen alten Geschichten immer wieder auf den Leim, um geliebt und anerkannt zu sein? Wo regt sich deine innere Stimme und du fürchtest, ihr zu folgen, da es dich enttäuschen könnte?

Indem wir die Realität zulassen, und das fühlen, was gerade wirklich in uns und im anderen da ist, fühlen wir vielleicht erst einmal das Zuwenig und Nichtgenug. Dann fühlen wir unser Wollen und Nichtwollen. Und wir müssen uns der Verantwortung stellen, dass wir uns zuallererst selbst um diesen Mangel und um unser Wollen kümmern müssen. Wir legen unsere Maskerade ab und wagen es, ehrlich und offen in Begegnung zu sein. Dann haben wir den Mut, uns selbst genug zu sein und wir fühlen die Freiheit, selbstbestimmt zu entscheiden, welcher nächste Schritt der beste für uns ist. Damit meine ich, das Beste, was uns wirklich nährt und wirkliche Nähe und Verbundenheit wagen lässt. 

Begegnungen ohne Masken sind nüchtern, mitfühlend und lassen uns nah fühlen. Dies ist nicht immer angenehm und erscheint uns oftmals unhöflich, ist jedoch heilsam und nährend. Wir zollen durch eine ehrliche Begegnung uns selbst und unserem Gegenüber Respekt und zeigen Akzeptanz und Würde. Wir sehen uns gegenseitig stark und muten uns daher die Realität zu. 

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